umlernen

Von einer, die auszog, das Lernen lassen zu lernen,                                            sommer 2003

 

Bis vor zwei Jahren habe ich redlich versucht, mit dem pädagogisch-didaktischen Rüstzeug, was uns die Ausbildung an die Hand gegeben hat, meinen Unterricht zu gestalten, zu planen und durchzuführen. Nie hat das so geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte, die Lernerfolge blieben weit hinter meinen Erwartungen zurück, oft gab es Kämpfe wegen Disziplinlosigkeit, und immer habe ich gedacht, dass es an mir liegt, dass ich nicht gut genug vorbereite, dass mir die richtigen Ideen nicht einfallen, dass ich zu nachgiebig bin usw. usf.  Der ewige Kampf, die Kinder zu Dingen zwingen zu müssen, die sie eigentlich gar nicht wollen, oder die nur ein Teil will, ein anderer Teil durch seinen Unwillen dies aber boykottiert, macht einen mürbe und man droht zu resignieren und nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen. Da es in der Schule aber um Kinder und nicht um Autos oder andere unbelebte Sachen geht, kann ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern ich muss mir Gedanken machen, warum es nicht so klappt,   wie wir es gerne hätten.

 Viele Dinge kamen zusammen, um in mir die Überzeugung wachsen zu lassen, dass das eigentliche Problem wir Erwachsenen sind, die eine bestimmte Vorstellung davon haben, wie Kinder das werden, was sie werden sollen. Genau dieses funktioniert eben überhaupt nicht. 

 

Der erste ganz entscheidende Umdenkanstoß kam mit einer Projektwoche, für die ich auf einmal eher unbeabsichtigt die Verantwortung mit übertragen bekam, weil die anderen Verantwortlichen zu sehr in ihren eigenen Projekten eingebunden waren. Es war großartig zu beobachten und mitzubekommen, wie sich die Schüler, die ihre selbstgewählten Aufgaben bewältigen wollten, ins Zeug legten und arbeiteten, diskutierten, stritten und sich einigten, organisierten, anderen halfen usw.  So sollte Schule öfter sein, hörte man allerorten. Jeder konnte sehen, zu welchen Leistungen und zu welchem Einsatz Kinder und Jugendliche fähig sind, wenn sie das, was sie tun, wirklich wollen. Und ohne die tatkräftige und intelligente Hilfe mancher Schüler hätte ich diese stressige Zeit auch nicht so gut überstanden.

 

Das nächste Ereignis war die Fertigstellung der Abi-Zeitung, die bei uns zuhause stattfand, da mein Sohn sich dafür stark gemacht hatte und am Schluß mit wenigen Kollegen tag und nacht an dem Werk gearbeitet hat, um es termingerecht fertig zu kriegen. Solch einen Einsatz hatte ich ihm bis dahin gar nicht zugetraut.

Mein Fazit: Sie können, wenn sie wollen, aber sie müssen auch wollen dürfen, wir müssen sie das tun lassen, was sie für richtig halten. Diese Einsicht ist für gelernte Lehrer, deren Job es scheinbar ist, alles besser zu wissen und die Jugendlichen dorthin zu führen, wo sie selber sind, eine harte Nuss. Wozu sind wir denn dann noch da, wenn wir eigentlich mit dem Zwang, den wir ausüben zu müssen glauben, eher das Gegenteil von dem erreichen, was wir erreichen wollen?

 

Dann kam Pisa! Und mit Pisa kam für mich das Internet. Stundenlang saß ich auf einmal am Computer und suchte und fand und las, und was ich da zu lesen bekam, war genau das, wonach ich seit Jahren gesucht hatte: endlich die Bestätigung, dass auch viele andere einen wichtigen Grund für das schlechte Lernverhalten der Kinder im zwangsweise verordneten Einheitsunterricht sahen. Auf einmal fand ich viele, viele Alternativen zu dem, was man mir beigebracht hatte. Und ich traf Leute im Internet, die so dachten wie ich und mit denen man sich über die Probleme mit der angelernten Lehrerrolle austauschen konnte. Nun ging das Nachdenken über die Dinge, die mir bisher im Schulalltag schon immer Bauchschmerzen bereitet hatten, so richtig los. Vielleicht hatte auch der 11. September dazu beigetragen, dass ich mich verstärkt fragte, was mache ich da eigentlich in der Schule, was machen Menschen miteinander, dass wir nicht friedlich zusammen leben können ? da passierte auch noch die schlimme Tat von Erfurt. Spätestens seit diesem 26. April war mir klar, dass ich nicht in der Schule mit Kindern arbeiten möchte, indem ich ihnen irgendwie Angst machen  oder sie unter Druck setzen  muss, sondern dass ich für die Kinder da sein möchte, wann und wofür sie mich brauchen. Dazu musste ich aber mein Misstrauen ablegen, dass sie garantiert Blödsinn machen würden, wenn ich ihnen mehr Freiheit und mehr Eigenbestimmung möglich machen würde.

 

Was ich schon immer versucht hatte und was oft von Misserfolgen begleitet wurde, begann ich jetzt konsequenter zu realisieren, nämlich den Kindern die Entscheidungen über ihr eigenes Tun ernsthaft anzubieten und sie in ihrem Tun so zu unterstützen, dass sie für sich daraus etwas lernen und persönlich weiterkommen statt nur auf der strikten Einhaltung der Lehrplaninhalte zu

bestehen, viel mehr hinzuschauen und rauszukriegen, was die Kinder brauchen über das hinaus, was sie tun sollten.  Dabei habe ich immer mehr festgestellt, dass sie Regeln und Bedingungen, die von mir glaubwürdig eingefordert werden, z.T. weil sie auch von allen beschlossen wurden, eher befolgen können, wenn dies damit verbunden ist, dass sie letztlich selber davon profitieren. Wenn ich also auf die Interessen und Bedürfnisse der Kinder eingehen kann, habe ich eine viel günstigere Verhandlungsposition, denn dann kann ich auch meine Bedingungen stellen, unter denen ich den Kindern eben diese Freiräume geben kann.

 

Es funktioniert, natürlich noch lange nicht mit allen und schon gar nicht immer, aber immer öfter. Auch die Kinder beginnen nachzudenken, ehrlich ihre Meinung zu sagen und Ideen zu entwickeln, wie denn was gehen könnte. Die Großen tun sich schwerer als die Kleinen, weil erstere es schon lange gewöhnt sind, zu versuchen mit dem geringstmöglichen Einsatz die bestmöglichen Zensuren zu bekommen oder sich anzustrengen wie verrückt und es dennoch nicht zu schaffen. Dass man ihnen etwas zutraut, dass man sie zu verstehen versucht, dass sie ohne Angst vor Repressalien auch Kritik üben können, kurz, dass man sie  ernst nimmt,  dieses kennen sie nicht so unbedingt und erwarten das in der Schule nicht wirklich. Sie merken aber auch, dass es für sie selber anstrengender ist, deshalb möchten manche in das bequeme alte Fahrwasser zurück.

 

Und damit beginnen die Probleme.  Aber das wird ein neues Kapitel

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